Regionalverband Elbe-Heide

Atommüll

Auf der Suche nach dem sichersten Ort Deutschlands

(Foto: Bernd Redecker)

Der Kampf gegen die Atomkraft als Hochrisikotechnologie war seit den Anfängen ein Anliegen des BUND. Silvester 2022 ist zumindest die Stromgewinnung aus Atomkraft in Deutschland Geschichte. Der BUND fordert weiterhin aber auch das Ende für die Uranreicherung in Gronau und die Brennelement-Produktion in Lingen.

Aber auch wenn das gelingen sollte, bleibt vor allem eins: Atommüll!

Bis Ende 2022 wächst der Berg an radioaktiven Abfall in Deutschland weiter an: Dann müssen wir mit mehr als 600.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiven Abfällen und etwa 30.000 Kubikmeter hochradioaktivem Abfall einen Umgang finden.

Weder eine dauerhafte Zwischenlagerung und schon gar nicht ein Verschieben des Problems ins Ausland stellen eine Lösung da. Die Suche nach einem tiefengeologischen Lagerort ist unumgänglich. Der Salzstock Gorleben war dafür nie geeignet, das hat der BUND mit anderen Anti-Atom-Initiativen in diversen Studien schon über Jahre belegt.

Insofern begrüßen wir, dass nun erstmals aufgrund geologischer Fakten nach einem Standort gesucht wird. Dass der Salzstock Gorleben schon gleich im ersten Schritt rausgefallen ist, bestätigt unsere Kritik, an der bisher rein politisch motivierten Entscheidung.

Mit der Veröffentlichung des "Zwischenberichts Teilgebiete" hat die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) Ende September 2020 deutschlandweit Regionen vorgestellt, die für eine "Endlagerung"* von Atommüll in Frage kommen. Damit sind 90 Gebiete und 54 Prozent der Landesfläche Deutschlands potentiell von Atommüll erneut oder erstmals betroffen. Der BUND hat diese großflächige Auswahl auf der Fachkonferenz Teilgebiete kritisiert. Denn eigentlich sieht aus unserer Interpretation das Standortauswahlgesetz zu diesem Zeitpunkt schon einen deutlich höheren Detailierungsgrad vor. Was die BGE nun vorgelegt hat, ist eher ein Zwischen-Zwischenbericht, der lediglich dokumentiert, dass 46 Prozent der Landesfläche ungeeignet sind.

Die Kritik daran kam schnell und von allen Seiten. Unter anderem auch von den geologischen Diensten der Bundesländer, zum Beispiel dem LBEG in Niedersachsen.

Geändert hat das bisher wenig.

Mit diesem unvollständigen Sachstand geht die Suche nun in die nächste Runde. Dabei ist die Mängelliste lang und längst nicht abgearbeitet. Zu den wichtigsten Punkten gibt es hier eine Übersicht des BUND Bundesverbandes.

Die  Landkreise Lüneburg und Harburg sind noch mit 9 Teilgebieten im Verfahren (3 Ton- und 6 Steinsalz-Teilgebiete). Infos zu den Teilgebieten im Landkreis Lüneburg finden sich hier auf der Homepage des Lüneburger Aktionsbündnis gegen Atom.

Wie es jetzt weitergeht ...

Eine ausführliche Übersicht zu den Arbeitsschritten im Suchverfahren finden sie hier auf der Homepage des BUND Bundesverband und in diesem Flyer.

Der nächste Meilenstein wird von der BGE erst frühestens in drei, vermutlich sogar erst in fünf Jahren, gesetzt. Dann wird sie dem Bundestag die Standortregionen vorschlagen, die obertägig intensiver angesehen werden sollen. Ob der Bundestag dieser Empfehlung folgen wird, bleibt offen: er ist nicht daran gebunden.

Aber bis dahin ist es auch noch ein weiter Weg. Denn mit der Entscheidung der BGE, einen so groben Zwischenbericht vorzulegen, wird der nächste Eingrenzungsschritt umso größer. Die Methodik dafür ist völlig unklar und soll jetzt erst an vier Modellregionen  - eine für jedes mögliche Wirtsgestein - erarbeitet werden.  Die BGE will diese Methoden im Frühjahr öffentlich vorstellen und dann auf alle anderen 86 Teilgebiete übertragen.

Eines der Modelle ist der Salzstock Bahlburg im Landkreis Harburg. Auch wenn es aus unserer Sicht keinen Anlass gibt, in der Auswahl als Modellregion eine Vorfestlegung zu mutmaßen, kritisieren wir die intransparente Kommunikation bei der Bekanntgabe der Modellregionen massiv.

Hier fordern wir eine deutlich veränderte Informationskultur: Raus aus dem Hinterzimmer, die Fakten auf den Tisch.

Die ursprünglichen Pläne des Bundesamtes für die Sicherheit in der nuklearen Enstsorgung als Träger der Öffentlcihkeitsbeteilgung hat für diese Phase eine Beteiligungslücke vorgesehen.

Auf der Fachkonferenz Teilgebiete hatte sich unter anderem der BUND dafür stark gemacht, dass diese geschlossen wird. BASE hat drauf mit Aussitzen reagiert und erst kurz vor dem letzten Tagungswochenende ein unausgereiftes Papier vorgelegt. Aus Protest gegen die mangelnde Beteiligung durch die Bundesbehörde nahmen BUND-Ehrenamtliche an der letzten Fachkonferenz im August nicht mehr teil.

Inzwischen hat BASE insofern eingelenkt, dass es zwar ein Beteiligungsformat geben wird, das Fachforum Teilgebiete. Grundsätzliche Forderungen des BUND an Transparenz, Selbstverwaltung und Rechtsverbindlichkeit wurden jedoch nicht erfüllt. Informationen mag es geben, echte Beteiligung ist das nicht. Die Lücke ist geschlossen, das Glas aber eher 3/4 leer als 1/4 voll.

Der Landkreis Lüneburg hat aus der hohen Betroffenheit und der Vielzahl an Teilgebieten heraus die Konsequenz gezogen, einen eigenen Kreisausschuss zur Begleitung der Endlagersuche zu gründen. Hier sind LAgAtom und  BUND durch Bernd Redecker und Bernhard Stilke vertreten.

Dieser Ausschuss hat Gelder beantragt und bewilligt bekommen, die Landesregierung im Rahmen des Niedersächsischen Begleitforums zur Verfügung stellt. Aktuell läuft in Kooperation mit den Nachbarlandkreisen Harburg und Uelzen eine Ausschreibung für ein Gegengutachten zu dem, was die BGE in ihrem Zwischenbericht zu denr Teilgebieten in den Landkreisen geschrieben hat.

Ups ... da waren ja noch 600.000 Kubikmeter

Einlagerungskammer im Schacht KONRAD (Foto: Bernd Redecker)

Die öffentliche Diskussion dreht sich hauptsächlich um den hochradioaktiven Abfall in den CASTOR-Behältern. Dabei wird übersehen, dass auch für den Schwach- und Mittelaktiven Müll eine Lösung gefunden werden muss.

Für einen Teil davon ist das bei Salzgitter gelegene Bergwerk Schacht KONRAD vorgesehen.

Ähnlich wir  Gorleben stammt auch dieses Endlagerprojekt aus den 1970er Jahren. Die Planungen für den „Schacht Konrad“ als Endlage für rund 300.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle laufen schon seit 1975. Mit schöner Regelmäßigkeit wurde das Datum für den Einlagerungsbeginn immer weiter nach hinten geschoben … 2013, 2019, 2021, 2022. Anfang 2018 teilt die neue Bundesgesellschaft für Endlagerung mit, dass nun nicht vor 2027 mit einer Fertigstellung zu rechnen sei.

Gleichzeitig reißen Protest und Widersand nicht ab. Bereits zum Zeitpunkt der Genehmigung entsprach Schacht KONRAD nicht dem damaligen Stand von Wissenschaft und Technik. Kein Wunder, schließlich waren für die Genehmigung politische Interessen ausschlaggebend.

Seit 2002 gibt es zwar für den Schacht KONRAD einen Planfeststellungsbeschluss, bei dem wichtige Fragen aber nie betrachtet oder durch rechtliche Tricks ausgeklammert wurden. Infos zu den Hauptkritikpunkten finden sich hier.

Am 27. Mai 2021 haben die niedersäschscihen Landesverbände des BUND und NABU einen  Antrag auf Rücknahme bzw. Widerruf des Planfeststellungsbeschlusses Schacht KONRAD beim Niedersächsischen Umweltministerium eingereicht. Getragen wird dieses von einem  Bündnis der Umweltverbände mit der  Stadt Salzgitter, der IG Metall Salzgitter-Peine, dem Landvolk Braunschweiger Land und der Arbeitsgemeinschaft Schacht KONRAD.

Innerhalb der Kampagne #KONRAD GAMEOVER haben wir auch in Lüneburg bzw am AKW Krümmel an einem Bundesweiten Aktionstag teilgenommen.

Mit unserer lokalen Brille besonders krass am veralteten KONRAD Konzept: der Atommüll soll dort nicht wie in neuen Sicherheitsanforderungen festgelegt von der Biosphäre abgeschlossen werden. In Salzgitter soll der Atommüll in den Grundwasserleiter eingebracht werden. In Lüneburg wird das Grundwasser an Coca Cola verscherbelt, in Salzgitter will man Atommüll reinpacken. Es braucht eine dringendes Umdenken im Umgang mit den begrenzten Ressourcen unseres Planeten!

Aber selbst wenn KONRAD geeignet wäre, würde sich damit nicht alles lösen lassen.  Dass es hier ein Problem gibt, ist spätestens mit dem Nationalen Entsorgungsprogramm der Bundesregierung von 2015 deutlich. Denn nur die Hälfte der Schwach- und Mittelaktiven Abfälle sollen in den Schacht KONRAD. Bis 2015 hatte man schlicht und  ergreifend ignoriert, dass mit der Rückholung aus dem havarierten Endlager ASSE II, den Abfällen aus der Urananreicherung in Gronau und  einzelnen Atommüll-Chargen  aus dem AKW Rückbau nochmal rund 300.000 Kubikmeter Atommüll eine Bleibe suchen.

Auch wenn die BGE das nur auf Nachfrage zugibt: Im Suchverfahren für den Hochradioaktiven Müll läuft parallel auch eines für diese Abfälle. Aktuell sehen die Pläne vor, dass entweder am Standort X zwei Lager errichtet werden oder, falls das aus Platzmangel nicht geht, dass der zweitbeste Standort das zweite Lager bekommen wird.

Umweltverbände und Anti-Atom-Initiativen fordern, dass diese Suche transparent verläuft und um die Abfälle erweitert wird, die jetzt noch in den Schacht KONRAD sollen.

Und auch die Zwischenlagerung wirft Fragen auf.

(Foto: Bernd Redecker)

Es ist also noch ein sehr langer Weg bis zu einem "End"-Lager. Das wirft die Frage  auf, wo der Müll in den nächsten Jahrzehnten bleibt.

Der hochradioaktive Atommüll wird derzeit in 16 Zwischenlagern verwahrt. Eines davon ist das Standortzwischenlager Krümmel. Dort stehen 42 CASTOR V/52-Behälter. Die Behälter und die Lagerhalle haben eine Genehmigung für 40 Jahre, d.h. sowohl die Halle als auch die ersten CASTOR-Behälter sind nur bis 2046 genehmigt. Die Genehmigung für das Lager in Gorleben läuft sogar schon 2034 aus.

Die Zeitplanung für die Standortsuche sieht einen Einlagerungsbeginn ab 2050 vor. Aber schon jetzt ist die BGE im Verzug. Schon in der Endlagersuche-Kommission wurde vorhergesagt, dass es bis in die 2080er-Jahre dauern werde. Bis dahin müssen die CASTOR-Behälter an Orten wie Geesthacht bleiben.

2034 bis 2080? Die Lücke ist offensichtlich. Daher fordert unter anderem der BUND seit langem, dass es schon jetzt Überlegungen geben muss, wie damit umgegangen wird. Es braucht ein Wartungs- und Reparaturkonzept, das Antworten darauf gibt, wie man merken will, wenn im CASTOR Halterungen ermüden,  Brennelemente  zerbröseln und Dichtungen undicht werden. Inzwischen mehren sich die Stimmen auch aus der Wissenschaft, die ähnliches fordern. Eine Umsetzung durch die Politik ist aber (noch) nicht zu erkennen.

Die Probleme bei der Zwischenlagerung hochradioaktiver Abfälle zeigt ein Gutachten im Auftrag des BUND Deutschland auf.

Hier findet sich ein Positionspapier der Umweltverbände und Anti-Atom-Initiativen.

Aber auch die Zwischenlagerung der Schwach- und Mittelaktiven Abfälle wirft viele Fragen auf. Er wird derzeit an über 30 Orten in Deutschland gelagert.

Drei  Lager befinden sich in Geesthacht. Am AKW und in der Forschungsanlage befinden sich bereits Hallen Betriebsabfällen, neu für die weitaus mehr Abfälle aus dem Rückbau werden dort derzeit errichtet. Darüber hinaus steht auf dem Hereon-Gelände noch die Landessammelstelle für radioaktive Abfälle aus der Medizin und den Schulen und Universitäten.

Insgesamt werden es fast 9.000 Tonnen Schwach- und Mittelradioaktiver Atommüll in rund 1500 Behältern die in Geesthacht lagern.  … und das über viele Jahrzehnte.

Die vollständig durchgerosteten Fässer in den Kavernen des AKW Brunsbüttel haben Betreiber und  Atomaufsicht in Kiel aufgeschreckt. Bei Kontrollen in den anderen Lagern wurde auch dort Rostfässer gefunden - zum Glück nicht derart zerstört wie in Brunsbüttel.

Zwar wird nun überall genauer hingesehen, eine übergeordnetes Lagerkonzept, dass für Jahrzehnte denkt, gibt es allerdings nicht. Das belegt eine neue Studie im Auftrag des BUND Deutschland: Zwischlagerung braucht ein belastbares Konzept, keine Flickenschusterei.

 

Kontakt

Bernd Redecker

Sprecher des Landesarbeitskreis Atom des BUND Niedersachsen
E-Mail schreiben

Materialien

BUND-Flyer: Standortsuche / Atommüll
Kampagnenzeitung #KONRAD GAMEOVER
BUND-Eckpunkte Zwischenlagerung